Andre Witzel von Trading.de: So Lernt man Traden

Andre Witzel

Es gibt eine Statistik in der Finanzwelt, die so kalt und unbarmherzig ist wie ein norddeutscher Winterwind. Sie besagt, dass etwa achtzig bis neunzig Prozent aller privaten Trader langfristig Geld verlieren. Das Erschreckende daran ist nicht die Zahl selbst, sondern wer sich hinter diesen Prozentwerten verbirgt. Es sind keine Menschen, die Schwierigkeiten mit dem kleinen Einmaleins haben oder blindlings ins Verderben rennen. 

Im Gegenteil. Oft sind es erfolgreiche Unternehmer, promovierte Ingenieure oder messerscharfe Anwälte, die an den Märkten grandios scheitern. Sie bringen Kapital, Intelligenz und Disziplin mit, also genau die Zutaten, die im klassischen Geschäftsleben den Erfolg garantieren. Doch sobald der erste Chart auf dem Bildschirm flimmert und das eigene Geld im Feuer steht, scheinen die Gesetze der Logik außer Kraft gesetzt. 

Wir müssen uns die Frage stellen, woran das wirklich liegt. Ist der Markt manipuliert? Sind die großen Banken einfach schneller? Das sind beliebte Ausreden am Stammtisch, aber die Wahrheit liegt tiefer. Das Problem ist nicht der Markt. Nein, das Problem ist unser Gehirn. Wir sind evolutionär darauf programmiert, Gefahren zu vermeiden und Sicherheit zu suchen. An der Börse jedoch muss man Unsicherheit umarmen und Verluste als Betriebskosten akzeptieren. 

Das Paradoxon der menschlichen Psychologie im Trading

Um zu verstehen, warum wir scheitern, müssen wir einen Blick in unseren eigenen Kopf werfen. Die Verhaltensökonomie nennt es Verlustaversion. Der Schmerz über einen Verlust von tausend Euro wiegt psychologisch doppelt so schwer wie die Freude über einen Gewinn in gleicher Höhe. Das führt zu einem fatalen Verhalten. Wir realisieren Gewinne viel zu früh, weil wir Angst haben, sie wieder zu verlieren. Gleichzeitig lassen wir Verluste laufen, in der verzweifelten Hoffnung, dass der Kurs schon wieder drehen wird. 

In der Geschäftswelt ist Hartnäckigkeit eine Tugend. Wenn ein Projekt nicht läuft, arbeiten wir härter, investieren mehr Zeit und biegen es gerade. An der Börse ist genau diese Hartnäckigkeit oft der finanzielle Todesstoß. Der Markt interessiert sich nicht für unsere Anstrengung oder unseren Willen. Genau an diesem Punkt scheitern viele High-Performer. Sie versuchen, ihren Willen gegen die Realität der Kurse durchzusetzen. Ein erfahrener Marktkenner und Trader wie Andre Witzel kennt dieses Muster nur zu gut aus seiner langjährigen Beobachtung der Szene. Er beschreibt oft, dass gerade Menschen, die im normalen Berufsleben gewohnt sind, Probleme durch bloße Kraftanstrengung zu lösen, an der Börse ihre größten Schwierigkeiten haben. Der Versuch, einen Markt zu bezwingen, endet meist mit einem leeren Konto, denn die Charts verzeihen kein Ego. 

Trading lernen

Mathematik ist grausam, aber gerecht im Trading

Neben der Psychologie ist es die banale Mathematik, die vielen das Genick bricht. Es ist das sogenannte Ruin-Problem. Wer fünfzig Prozent seines Kapitals verliert, benötigt nicht fünfzig Prozent Gewinn, um wieder auf null zu kommen, sondern hundert Prozent. Das ist ein Berg, der doppelt so steil ist wie der Abstieg.

Dabei ist Trading im Grunde nichts anderes als Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ein profitables System muss nicht immer gewinnen. Man kann sogar öfter falsch liegen als richtig, solange die Gewinne im Durchschnitt deutlich größer sind als die Verluste. Doch unser Gehirn ist schlecht darin, in Wahrscheinlichkeiten zu denken. Wir suchen nach Mustern und Kausalitäten, wo oft nur Rauschen ist. Wir wollen Recht haben. Doch an der Börse kann man sich entscheiden: Will man Recht haben oder will man Geld verdienen? Beides zusammen ist selten möglich. Erfolgreiche Händler betrachten ihr Trading nicht als eine Serie von Wetten, sondern als ein Geschäft mit Einnahmen und Ausgaben

Der emotionale Fehler im System

Wenn wir uns die Charts ansehen, glauben wir oft, rationale Bewegungen zu sehen. Doch in Wahrheit sehen wir die visualisierte Gier und Angst von Millionen Marktteilnehmern. Wenn Panik ausbricht, fallen Kurse weit unter ihren fairen Wert. Wenn Euphorie herrscht, steigen sie in den Himmel. 

Das größte Problem ist dabei die fehlende Struktur. Im Unternehmen gibt es Meetings, Protokolle, Vorgesetzte und klare Ziele. Beim Trading sitzt man oft allein vor dem Bildschirm. Niemand kontrolliert, ob man sich an den Plan hält. Niemand schimpft, wenn man aus Wut einen unüberlegten Trade eingeht. Diese absolute Freiheit ist für viecle toxisch. Ohne ein klares Regelwerk, das fast schon roboterhaft exekutiert wird, übernimmt das limbische System – unser emotionales Zentrum – die Steuerung. Und das limbische System ist ein schlechter Portfoliomanager. Es will Dopamin bei Gewinnen und schüttet Stresshormone bei Verlusten aus. 

Der Weg aus der Falle

Wie entkommt man diesem Teufelskreis aus Hoffnung, Gier und Enttäuschung im Trading? Die Lösung liegt nicht im Finden des perfekten Indikators oder der geheimen Formel, die angeblich alle Banken nutzen. Die Lösung liegt in der Professionalisierung des Prozesses. Man muss das Trading so langweilig wie möglich gestalten. Wenn Trading aufregend ist und Herzklopfen verursacht, macht man etwas falsch oder setzt zu viel Geld ein.

Der Weg zum beständigen Erfolg führt über die Akzeptanz der eigenen Fehlbarkeit. Man benötigt einen Handelsplan, der jedes Szenario abdeckt, bevor man überhaupt eine Position eröffnet. Wo steige ich ein? Wo steige ich aus, wenn es schiefgeht? Wo nehme ich Gewinne mit? Diese Fragen müssen geklärt sein, solange der Puls noch ruhig ist. Ein weiterer essenzieller Schritt ist das Führen eines Tagebuchs. Nur wer seine Fehler analysiert, kann sie abstellen.

Es geht darum, die Perspektive zu wechseln. Weg vom schnellen Geld, hin zum langfristigen Handwerk. Wer versteht, dass Verluste unvermeidbar sind und zum Spiel dazugehören, verliert die Angst vor ihnen. Dann wird aus dem emotionalen Chaos ein strukturierter Prozess, der reproduzierbar ist. Der Markt ist am Ende nur ein Spiegel. Er zeigt uns gnadenlos unsere eigenen Schwächen auf. Wer bereit ist, an diesen Schwächen zu arbeiten und sein Ego an der Garderobe abzugeben, der hat die Chance, zu den wenigen Prozent zu gehören, die dauerhaft bestehen. 

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*